Handwerkstag Sachsen-Anhalt Gesundheitshandwerke im Dialog mit der Politik
Bei den mehr als einhundertachtzig Handwerksgewerken und -gewerben, die in Sachsen-Anhalt angeboten werden, stehen fünf für die Gesundheit ihrer Kunden. In diesen fünf Berufen werden rund 30.000 Betriebe bundesweit verortet. Etwas mehr als ein Drittel, also 10.820 Fachgeschäfte gehören zum Augenoptikerhandwerk, rund 7.500 Betriebsstätten sind Hörakustiker, ein paar mehr, nämlich 7.700 Zahntechniker, rund 2300 Orthopädietechniker und in etwa ebenso viele Orthopädieschuhmacher.
Für unser Bundesland liegen die Zahlen bei 230 Augenoptikern, je 53 Hörgeräteakustikern und Orthopädietechnikern, 56 Orthopädieschuhmachern und 152 Zahntechnikern. Diese stehen vor den gleichen Herausforderungen, wie viele andere Gewerke auch: Energiekosten, Nachwuchs oder Nachfolge, um nur drei zu nennen. Darüber hinaus gibt es jedoch noch eine ganze Reihe spezifischer Probleme rund um die Kooperation mit den Krankenkassen oder die die Folgen der Gesundheitspolitik des Bundes. Zu diesen speziellen Themen lud der Handwerkstag Sachsen-Anhalt, die Spitzenorganisation des Handwerks, Gewerkevertreter zur Gesundheitskonferenz mit den Parlamentarischen Staatsekretär im Bundesministerium für Gesundheit, Tino Sorge, MdB, zu einem intensiven Austausch über die aktuellen Reformpläne im Gesundheitswesen. Im Mittelpunkt standen die Auswirkungen der geplanten Maßnahmen auf die Versorgungssicherheit und die wirtschaftliche Situation der Betriebe. Auch wenn jedes der fünf Handwerke eigene Schwerpunkte setzte, so einen alle Handwerke drei Herausforderungen: Die Sparpolitik, Bürokratie und Kosten.
Die finanzielle Lage der gesetzlichen Krankenversicherung erfordert Reformen – darin waren sich Politik und Handwerk einig. „Entscheidend ist dabei, dass diese nicht zulasten der Versorgung und der Betriebe gehen,“ betonten die Vertreter der Branche. „Gesund ist das nicht, was da aus Berlin an Gesundheitspolitik kommt“, sagt Martin Richter, Vorstandsmitglied der Orthopädieschuhmacher-Landesinnung Sachsen-Anhalt.
Besonders kritisch wurde die zunehmende Bürokratie bewertet. Aufwendige Verfahren wie die Präqualifizierung, komplexe Vertragsstrukturen mit den Krankenkassen sowie zusätzliche Dokumentationspflichten binden erhebliche personelle Ressourcen. In vielen Betrieben arbeiten inzwischen Mitarbeitende ausschließlich an administrativen Aufgaben.
Gleichzeitig wächst der wirtschaftliche Druck: Festbeträge und Vergütungen decken die tatsächlichen Kosten vielfach nicht mehr ab. Steigende Lohn-, Energie- und Materialkosten können häufig nicht weitergegeben werden. Die Folge sind sinkende Margen, ausbleibende Investitionen und zunehmend auch der Rückzug einzelner Betriebe aus der Versorgung gesetzlich Versicherter.
Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, droht ein schleichender Verlust der wohnortnahen Versorgung – insbesondere im ländlichen Raum.
Andreas Dieckmann, Vizepräsident des Handwerkstages
Ein weiterer zentraler Kritikpunkt ist die zunehmende Standardisierung der Versorgung. Während qualitativ hochwertige, individuelle Leistungen mit hohem fachlichen und personellen Aufwand erbracht werden, stehen sie zunehmend im Wettbewerb mit vereinfachten oder digitalen Versorgungsmodellen – häufig bei gleicher Vergütung. Dies führe zu einer strukturellen Benachteiligung qualitätsorientierter Betriebe.
Positiv bewerteten die Teilnehmer, dass das Bundesgesundheitsministerium den Reformbedarf offen anspricht und sich der finanziellen Herausforderungen stellt. Auch wurde begrüßt, dass einzelne problematische Ansätze – wie die Wiedereinführung von Ausschreibungen im Hilfsmittelbereich – aktuell nicht weiterverfolgt werden.
„Wir nehmen mit, dass das Ministerium die Probleme erkannt hat und an Lösungen arbeitet – insbesondere beim Bürokratieabbau,“ so ein Fazit aus der Runde.
Die Gesundheitshandwerke machten deutlich, dass sie bereit sind, Reformen konstruktiv zu begleiten. Voraussetzung sei jedoch, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören eine faire und kostendeckende Vergütung, ein deutlicher Abbau bürokratischer Belastungen, faire Wettbewerbsbedingungen sowie eine stärkere Einbindung der Betriebe in die Digitalisierung des Gesundheitswesens.
„Die Gesundheitshandwerke sind Teil der Lösung – nicht das Problem. Wenn ihre Kompetenzen konsequent genutzt werden, können sie einen wichtigen Beitrag zu einer effizienten und zukunftsfähigen Versorgung leisten,“ betonten die Teilnehmer abschließend.
Der Handwerkstag Sachsen-Anhalt kündigte an, den Dialog mit der Politik fortzusetzen und sich aktiv in die anstehenden Gesetzgebungsverfahren einzubringen.
Jens Schumann
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