Schon in jungen Jahren war für Isabell Henning das Handwerk interessant. Daher lag es für sie nahe, ein Handwerk zu ihrem Beruf zu machen.
GründerstoriesDie Gründerstory von Isabel Henning
Im Interview erzählt Orthopädieschuhmachermeisterin Isabel Henning, warum sie sich selbständig gemacht hat und wohin ihre Reise gehen soll.
Gründerstory im Video-Format
Interview mit Isabel Henning
Das vollständige Interview mit Isabel Henning lesen Sie hier:
Stellen Sie sich kurz vor.
Mein Name ist Isabel Henning. Ich bin Orthopädieschuhmachermeisterin und habe meinen Meistertitel 2016 bei der Handwerkskammer erhalten.
Können Sie uns einen kleinen Einblick in Ihren beruflichen Werdegang geben? Wie kam es zu diesem Berufswunsch?
Schon in jungen Jahren war ich sehr handwerklich interessiert. Ich habe gern gebastelt und gewerkelt. Daher lag es für mich nahe, ein Handwerk zu meinem Beruf zu machen.
Am Anfang standen natürlich verschiedene Handwerke zur Auswahl. Durch Zufall bin ich dann zur Ausbildung in der Orthopädieschuhtechnik gekommen. Dort habe ich meine dreieinhalbjährige Ausbildung absolviert und anschließend in verschiedenen Betrieben als Gesellin gearbeitet. Nach sechs Jahren habe ich mich schließlich zur Meisterschule angemeldet und meine Meisterausbildung begonnen.
Was schätzen Sie besonders an Ihrem Beruf?
Mir macht vor allem das Handwerkliche Spaß. Meine Grundintention war immer, dass dieser Beruf sehr kreativ und auch künstlerisch ist. Das zeigt sich zum Beispiel bei der Auswahl der Schuhe, beim Leder, bei den Materialien und Farben, die man bei der Herstellung orthopädischer Schuhe zusammenstellen kann.
Auf der einen Seite ist da das Arbeiten in der Werkstatt: das handwerkliche Arbeiten, bei dem man in Ruhe für sich sein kann, an der Maschine schleift und richtig in das Produkt eintaucht. Auf der anderen Seite arbeitet man mit Menschen, denen man sehr viel helfen kann. Es gibt unterschiedliche Schicksale und Probleme, für die man Lösungen finden muss. Man begleitet den Weg Schritt für Schritt, bis am Ende ein Schuh oder eine Einlage entsteht, mit der der Kunde oder Patient glücklich ist, weniger Schmerzen hat und seinen Alltag besser meistern kann. Man sieht direkt das Ergebnis der eigenen Arbeit.
Orthopädische Schuhe haben einen starken medizinischen Hintergrund. Wie lässt sich dieser mit Ästhetik, Gestaltung und Schönheit vereinbaren?
Ich versuche immer, orthopädische Schuhe so schön wie möglich zu machen. Natürlich gibt es aufgrund der jeweiligen Fußform manchmal Grenzen. Aber viele Menschen haben trotz einer Behinderung oder trotz Problemen mit den Füßen den Wunsch, schöne Schuhe zu tragen.
Früher gab es oft dieses Negativbild von orthopädischen Schuhen: schwarz, klobig und wenig ansprechend. Davon möchte ich wegkommen. Mein Ziel ist es, für die Kunden wirklich schöne Schuhe herzustellen, mit denen sie glücklich sind – Schuhe, die ihren Vorstellungen entsprechen und vielleicht auch ein ganz besonderes Leder haben.
Wie läuft der Schaffensprozess eines solchen Schuhs ab – von Anfang bis Ende?
Am Anfang kommen die Patientinnen und Patienten meist mit einer ärztlichen Verordnung zu mir in den Laden. Dann schaue ich zunächst, welche Probleme vorliegen und wie der Schuh gebaut werden muss, damit am Ende eine Verbesserung erreicht wird. Die Versorgung wird in der Regel bei der Krankenkasse eingereicht und im besten Fall übernommen.
Danach geht es richtig los. Ich nehme Maß vom Fuß, scanne ihn ab, erfasse alle wichtigen Maße und mache eine Anamnese. Dabei geht es auch darum, welche Erkrankungen vorliegen und welche orthopädischen Bauteile im Schuh verarbeitet werden müssen.
Anschließend wird der Leisten hergestellt, also die Form, über die der Schuh später gebaut wird. Danach erfolgt eine Zwischenprobe. Wenn alles passt, suche ich gemeinsam mit dem Patienten oder der Patientin den Schuh aus. Dafür schauen wir in Kataloge. Die Modelle sehen grundsätzlich wie normale Schuhe aus, wie man sie auch aus einem Schuhgeschäft kennt.
Dann werden Farbe, Lederart und weitere Details ausgewählt. Wenn alles festgelegt ist, beginnt die Fertigung. Zuerst wird das Leder genäht und das Modell vorbereitet. Wenn der Schaft fertig ist, wird er gezwickt – das bedeutet, dass er über den Leisten gezogen und aufgebaut wird. Danach wird der Schuh fertiggestellt, bis er zur Anprobe bereit ist und abgeholt werden kann.
Kommen wir zur Unternehmensgeschichte. Es war keine klassische Neugründung, sondern eine Übernahme. Wie lief das ab?
Genau, es war eine Gründung durch Übernahme. Der Vorgänger, der das Geschäft vorher betrieben hat, suchte einen Nachfolger. In unserer Branche ist es leider relativ schwierig, jemanden zu finden, der einen Betrieb übernimmt. Sich als junger Mensch selbstständig zu machen, ist heutzutage eher selten geworden.
In der Orthopädieschuhtechnik gibt es außerdem nicht so viele Fachleute. Es ist eine relativ kleine Gemeinschaft in Deutschland. Einen Orthopädieschuhmacher findet man nicht an jeder Ecke. Als ich von der Möglichkeit gehört habe, habe ich mich mit der Idee beschäftigt, ob das vielleicht etwas für mich wäre.
Der Gedanke, mich irgendwann selbstständig zu machen, war nicht ganz neu. Er war zwar nicht fest geplant, aber ich dachte schon: Das könnte man vielleicht einmal machen. Dann kann man eigene Ideen umsetzen und den Betrieb so gestalten, wie man es für richtig hält. Danach kam der Kontakt zu den Inhabern zustande. Wir haben uns getroffen, ich habe mir alles angeschaut – und dann ging es relativ schnell.
Ich habe mich informiert, bei der Handwerkskammer angerufen und auch Kontakt zum Innovations- und Gründungszentrum aufgenommen. Dort wollte ich wissen, welche Schritte als Nächstes notwendig sind, wie eine Übernahme funktioniert und worauf ich achten muss.
War dieser Prozess schwierig oder eher unkompliziert?
Es gab natürlich einige Punkte, die gut überlegt werden mussten. Ich habe zwei Kinder und einen Mann. Meine Tochter war damals gerade anderthalb Jahre alt, ich kam also gerade aus der Elternzeit zurück. Deshalb habe ich das zuerst mit meiner Familie besprochen: Können wir das gemeinsam stemmen? Denn so eine Selbstständigkeit ist auch ein Zeitfaktor – gerade, wenn die Mutter mehr arbeitet als vorher.
Ein großes Thema war außerdem die Finanzierung. Es gab einen Kaufpreis, und ich musste zunächst klären, wie ich diese Investition stemmen kann. Solange das nicht geklärt war, konnte ich auch keine feste Zusage geben. Dadurch zog sich der Prozess etwas, weil der Vorgänger natürlich auch nicht wusste, ob es wirklich klappt oder ob ich am Ende doch abspringe.
Trotzdem ging es insgesamt sehr schnell. Von der ersten Idee bis zur tatsächlichen Übernahme verging etwa ein halbes bis dreiviertel Jahr. Im Vergleich zu anderen, die sich dafür ein oder zwei Jahre Zeit nehmen, war das sehr kurzfristig.
Es war auf jeden Fall eine stressige Zeit. Ich war noch ganz normal angestellt, hatte also meinen Beruf, dazu meine Familie und abends die Organisation der Übernahme: Finanzierung, Anträge, Genehmigungen, neue Zertifizierungen und viele weitere Aufgaben. Es wurden viele To-do-Listen geschrieben und abgearbeitet.
War die Übernahme für Sie eher eine Chance oder auch ein Risiko?
In erster Linie waren da Freude und Anspannung auf das, was kommt. Ich hatte viele Ideen und wollte vieles umsetzen. Natürlich war im Hinterkopf auch immer die Frage: Ist das wirklich die richtige Entscheidung? Was ist, wenn es schiefgeht?
Als Angestellte kann man irgendwann sagen: Das passt nicht mehr, ich kündige und suche mir etwas anderes. Wenn es der eigene Betrieb ist, geht das nicht so einfach. Trotzdem war ich immer positiv motiviert. Ich habe mich in die Organisation gestürzt und bin Schritt für Schritt vorangegangen, bis die Übernahme abgeschlossen war.
Nach der Übernahme war die Arbeit natürlich nicht vorbei – eigentlich ging es dann erst richtig los. Mittlerweile sind es zwei Jahre. Diese Zeit braucht man auch, um sich zu finden. Vorher war ich angestellt und hatte keine Personalführungsverantwortung. Plötzlich war ich die neue Chefin in einem Betrieb, in dem vieles vielleicht anders lief, als ich es mir vorgestellt hatte. Da musste ich erst hineinwachsen. Das hat Zeit gebraucht. Inzwischen habe ich meinen Weg gefunden und mich mit den Kolleginnen, Kollegen und Mitarbeitenden gut abgestimmt.
Welche Rolle spielte die Handwerkskammer im Gründungs- beziehungsweise Übernahmeprozess?
Die Handwerkskammer war auf jeden Fall beratend tätig. Sie war mein erster Anlaufpunkt. Dort habe ich das erste Telefonat geführt, später gab es auch ein Treffen. Ich habe To-do-Listen und Informationsmaterial bekommen, die mir einen guten Überblick gegeben haben.
Meinen Businessplan habe ich gemeinsam mit der Innovations- und Gründungsberatung in Wernigerode erarbeitet. Diese arbeitet eng mit der Handwerkskammer und auch mit der Investitionsbank zusammen. Mit ihrer Hilfe habe ich den Businessplan erstellt und die Zahlen bearbeitet. Für mich war das alles neu, deshalb war diese Unterstützung sehr wichtig.
Sie haben auch die Meistergründungsprämie genutzt. Wofür haben Sie diese eingesetzt?
Die Meistergründungsprämie habe ich für verschiedene Dinge verwendet. Ich habe neue Betriebssoftware, Computertechnik und ein Kassensystem angeschafft. Das war ein größeres Paket. Außerdem habe ich in neue Scan-Technik investiert und Renovierungsarbeiten durchgeführt. Damit konnten die ersten wichtigen Dinge erneuert werden, um gut in die Selbstständigkeit zu starten.
Wie ist Ihr Betrieb heute aufgestellt? Wie viele Mitarbeitende haben Sie?
Derzeit habe ich fünf Mitarbeitende. Zwei Mitarbeiterinnen sind im Laden tätig. Sie betreuen hauptsächlich den Schuhverkauf, nehmen Kundinnen und Kunden an und bearbeiten Aufträge.
Dazu kommen drei Mitarbeitende in der Werkstatt. Das sind Orthopädieschuhmacher-Gesellen, die die handwerklichen Tätigkeiten übernehmen: Einlagen fräsen, Schuhe bauen und Schuhreparaturen durchführen.
Was motiviert Sie jeden Tag, in Ihren eigenen Laden zu kommen?
Mich motiviert, das zu tun, was mir Spaß macht: mit Kundinnen, Kunden und Patientinnen und Patienten zu arbeiten und ihnen helfen zu können.
War es Ihnen wichtig, in der Region zu bleiben?
Ja, ich war zwischenzeitlich auch in Magdeburg und in Salzgitter tätig, war aber immer sehr heimatverbunden. Ich lebe noch immer in dem Ort, in dem ich groß geworden bin.
Deshalb ist die Lage des Betriebs für mich optimal. Ich fahre nur etwa zehn Kilometer mit dem Auto zur Arbeit – bei schönem Wetter manchmal auch mit dem Fahrrad. Das macht den Arbeitsweg sehr angenehm.
Wenn Sie auf die vergangenen zwei Jahre und den Übernahmeprozess zurückblicken: Würden Sie alles wieder genauso machen?
Ich bin relativ langsam und Schritt für Schritt vorgegangen. Bei einigen Entscheidungen habe ich mir bewusst Zeit gelassen, weil ich den Betrieb erst kennenlernen musste: wie die Mitarbeitenden arbeiten, wie Abläufe bisher organisiert waren und wie hier gearbeitet wurde. Ich glaube, genau so würde ich es wieder machen.
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Grundsätzlich soll es so weitergehen wie bisher. Ich möchte meine Produktpalette noch etwas ausarbeiten und weitere Angebote ergänzen.
Außerdem plane ich, eine Auszubildende oder einen Auszubildenden einzustellen. Ausbildung ist sehr wichtig, damit wieder neue Gesellinnen und Gesellen nachkommen. In unserer Branche ist es schwierig, Mitarbeitende zu finden. Gleichzeitig sieht man, dass die Ausbildungszahlen in den vergangenen Jahren sehr niedrig waren. Ich hoffe, dass das Handwerk wieder mehr Zulauf bekommt – denn es ist einfach eine gute Arbeit.
Was würden Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben, die noch unschlüssig sind und ihren beruflichen Weg suchen? Warum sollten sie das Handwerk in Betracht ziehen?
Das Handwerk ist eigentlich ein Traumberuf. Man sieht relativ schnell, was man geschaffen hat. Am Ende des Tages hat man ein Produkt, auf das man schauen kann und sagen kann: Das habe ich gemacht.
Dieses direkte Ergebnis ist ein sehr gutes Feedback – entweder für einen selbst oder durch die Kundinnen und Kunden, die dadurch einen echten Mehrwert haben und sich freuen. Genau das macht das Handwerk so besonders.
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